Geschichte der AWO

Von 1919 bis 1933

Der Versuch, die Not zu lindern, der große Teile der deutschen Bevölkerung während und nach dem Ersten Weltkrieg ausgesetzt waren, führte vor mehr als 90 Jahren zur Gründung der Arbeiterwohlfahrt. Am 13. Dezember 1919 tagte der Parteivorstand der SPD in Berlin. Auf Anregung der Reichstagsabgeordneten und Frauensekretärin der Partei, Marie Juchacz, beschloss das Gremium die Gründung eines Ausschusses für Arbeiterwohlfahrt. Marie Juchacz wurde mit der Leitung des Ausschusses beauftragt. Sie kann also zu Recht als erste AWO-Vorsitzende bezeichnet werden. Die vielen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Ortsvereinen versuchten, den Bedürftigen ein menschliches Überleben zu sichern. Neue Wege der Kinderverschickung wurden erprobt. Die Schwerpunkte der Arbeit waren Notküchen, das Verteilen von Nahrungsmitteln und Kleidung sowie die Beratung der Menschen, die ihre Ansprüche bei den Wohlfahrtsämtern geltend machen wollten.

In der Folgezeit wuchs die Arbeiterwohlfahrt stetig, fest eingebettet in das „sozialdemokratische Milieu“ aus SPD, Gewerkschaften, den Arbeitervereinen für Sport, Musik und Wandern und später dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. 1931 waren 135.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer der AWO in der Kindererholung und im Kinderschutz, in der Altenbetreuung und Jugendhilfe, in Notküchen und Werkstätten für Behinderte und Erwerbslose sowie in Selbsthilfenähstuben tätig. Die Arbeiterwohlfahrt war Helferorganisation für alle bedürftigen Menschen, unabhängig von Herkunft oder Weltanschauung. Am 30. Januar 1933 kam Adolf Hitler an die Macht. Nur wenige Wochen später wurde die Arbeiterwohlfahrt – wie alle Organisationen und Einrichtungen sozialdemokratischer Ausrichtung – von den Nationalsozialisten verboten und zwangsweise aufgelöst. Ihr nicht unbeträchtliches Vermögen, das insbesondere aus Vereins- und Erholungsheimen bestand, wurde beschlagnahmt.

Nach 1945

Unmittelbar nach Kriegsende begann der Wiederaufbau der AWO. Sie wurde 1946 in Hannover als eigenständige Organisation wieder ins Leben gerufen. Verfolgung, Verbot, Krieg und Verwüstung hatten ihre Ideen nicht zerstören können. Die Ortsvereine der Arbeiterwohlfahrt in den Westzonen nahmen wieder ihre Arbeit auf. AWO-Helferinnen und Helfer kümmerten sich um die Opfer des Regimes: Evakuierte und Flüchtlinge, Heimkehrer, Alte und Einsame, junge Menschen, die Heimat und Eltern verloren hatten. Kinder- und Jugenderholungsmaßnahmen wurden wieder angeboten, nach alter Tradition wurden Nähstuben, aber auch Einrichtungen der Hauswirtschaft und Mütterbildung eröffnet.

In der damaligen „sowjetisch besetzten Ostzone“ wurde die AWO nicht mehr zugelassen. Dagegen war sie, aufgrund des alliierten Status von Berlin, bis 1961 im Ostteil der Stadt offiziell genehmigt, durfte dort aber nicht aktiv werden. Nach dem Mauerbau am 13. August 1961 hatte die AWO in Ost-Berlin keine Zulassung mehr.

Organisatorisch ging man neue Wege. Ohne die Nähe zur sozialdemokratischen Arbeiterbewegung zu verlieren, gründete und organisierte sich die AWO als selbstständiger, überparteilicher und überkonfessioneller Verband, der sich 1947 auf der Reichskonferenz in Kassel neue Richtlinien gab. 1953 erklärte Lotte Lemke, die damalige stellvertretende Vorsitzende, auf der Berliner Reichskonferenz der AWO: "Heute ist aus der Arbeiterwohlfahrt der Weimarer Zeit eine Wohlfahrtsorganisation geworden, deren Aktionsradius weit über den Kreis der zur Arbeiterschaft rechnenden Bevölkerung hinausgreift". In diesen Jahren wurden Kindergärten und Horte neu eingerichtet, Volksküchen gaben Mahlzeiten an Kinder, Alte und Kranke aus. Kriegsgefangene und ihre Angehörigen wurden betreut und mit Lebensmitteln versorgt, eine Schwesternschule wurde eröffnet und eine AWO-Schwesternschaft gegründet. In Karlsruhe wurde das "Seminar für Sozialberufe" als Ausbildungsstätte eröffnet. Die AWO wurde auf allen Feldern der sozialen Arbeit tätig.

1959 hatte die AWO 300.000 Mitglieder in 5.000 Ortsvereinen. Es gab 353 Heime, 250 Kindergärten, 4.000 hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und über 70.000 Helferinnen und Helfer.

Am 9. November 1989 fällt die Mauer in Berlin. Am 3. Oktober 1990 ist Deutschland wiedervereinigt. In West-Ost-Partnerschaften organisiert, beginnt auch die AWO in den fünf neuen Bundesländern mit einem dynamischen Aufbauprozess, sie erhält jetzt Einrichtungen zurück, die zum Teil 1933 enteignet wurden. Ein Jahr nach dem Fall der Mauer schließen sich die Landes- und Bezirksverbände der AWO in ganz Deutschland zusammen. Die AWO ist flächendeckend in allen Bundesländern tätig.

Die AWO heute

Die AWO wirkt auch politisch, sie fordert Reformen und Veränderungen in der Sozialpolitik, in der Gesundheitspolitik, in der Familienpolitik und in der allgemeinen Fürsorge um den Menschen und seine soziale Sicherung. Daraus sind Gesetze entstanden, die Rechtsansprüche auf soziale Hilfen garantieren. Als ein Beispiel unter vielen gilt dafür die sozialrechtliche Sicherung des Pflegefallrisikos. Der freie Wohlfahrtsverband unterstützt die Schaffung einer Grundsicherung für Kinder, um der herrschenden Armut von Kindern in Deutschland zu begegnen. Durch den gesellschaftlichen Wandel wurden neue soziale Aufgaben übernommen. Dazu gehören seit Beginn der 60er-Jahre die Betreuung der ausländischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, später von Migrantinnen und Migranten, die stationäre und ambulante Altenhilfe, die Suchtberatung und sozialpsychologische Betreuung.

Heute ist die AWO in größerem Maße als früher Trägerin sozialer Dienstleistungen. Die Arbeiterwohlfahrt ist ein anerkannter Spitzenverband der Freien Wohlfahrtspflege mit fast 15.000 Einrichtungen und Diensten, in denen rund 145.000 Beschäftigte tätig sind, und zugleich ein Mitgliederverband mit nahezu 450.000 Mitgliedern. Ihre humanitäre Ausrichtung und die aus der Arbeiterbewegung abgeleiteten Grundwerte Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit bestimmen auch nach 90 Jahren jedes Handeln. Auch die wirtschaftliche Tätigkeit der AWO orientiert sich an den Grundwerten des Verbandes.

Die AWO ist ein Teil von „Solidar“, einem Zusammenschluss europäischer Wohlfahrtsverbände. Internationale humanitäre Hilfe und entwicklungspolitische Zusammenarbeit leistet die AWO durch ihre Tochterorganisation „AWO International“ und im Bündnis der Hilfsorganisation „Aktion Deutschland Hilft“.